Zusatzsene Jaydee – Bitte erst nach Band 13 lesen

Ich habe wieder eine kleine Zusatzszene für Euch geschrieben. Sie spielt am Anfang von Band 13 und zeigt einen Teil des Beginns aus Jaydees Sicht. Bitte lest das nur, wenn Ihr Band 13 schon kennt, oder es Euch nichts ausmacht, wenn ihr gespoilert werdet. Ich wünsche viel Spaß.

Kapitel 1

Jaydee

Ich lief in der Zelle hin und her.

Vier Schritte vor. Vier Schritte zurück.

Vier Schritte vor. Vier Schritte zurück.

Vier Schritte vor. Vier Schritte zurück.

Die einzige Bewegung, die ich mir verschaffen konnte. Seit vier verfluchten Monaten.

Vier Schritte vor. Vier Schritte zurück.

Vier Schritte vor. Vier Schritte zurück.

Tagein. Tagaus. Wie ein dämlicher Tiger im Käfig.

Genauso fühlte ich mich auch. Diese Zelle war mein Zuhause geworden. Ich kannte jeden bescheuerten Stein, jede Rille, jede Vertiefung, ich wusste, in welcher Position ich schlafen musste, um es besonders bequem zu haben, ich kannte das Rauschen des Meeres, erahnte am Duft des Windes, was für ein Wetter hereinzog.

Viel konnte ich sowieso nicht von der Welt erkennen. Der einzige Blick nach draußen bot mir ein kleines Fenster, drei Meter oberhalb. Wären die Gitterstäbe nicht davor gewesen, hätte ich sogar meinen Kopf durchstecken können. Nicht, dass es etwas genutzt hätte, die Öffnung war zu eng für den Rest meines Körpers. Dennoch war ich in den letzten Monaten oft nach oben geklettert, hatte mich an den Stäben festgehalten und auf die Unendlichkeit des Ozeans gestarrt.

Ich hatte keine Ahnung, auf welcher Insel ich war, aber ich war dankbar, dass ich eine Isolationszelle mit Blick auf die Natur bekommen hatte. Es gab etliche, die unterirdisch angelegt waren, in der der Insasse für die Zeit der Haft kein Tageslicht abbekam.

Vielleicht ein kleines Zugeständnis an mich, nach allem, was mit dem Emuxor passiert war. Immerhin war es Mikael gewesen – mein Ziehvater –, der ihn zurück in die Hölle geschickt hatte. Die Anrufung seines Geistes war aber auch das Einzige an der ganzen Sache, bei der ich mich mit Ruhm bekleckert hatte, und diese Pluspunkte waren verraucht, als ich Colin eine verpasste, weil er mich abholen wollte, um mich in die Isolation zu stecken.

Aus drei Monaten Strafe wurden vier. Es war mit die längste, die je bei den Seelenwächtern verhängt worden war.

Ich hatte sie für Akil auf mich genommen; würde es wieder tun, wenn ich erneut vor der Wahl stünde. Er hatte mich in dem Moment gebraucht, und nichts auf dieser Welt hätte mich davon abhalten können, für ihn da zu sein.

Er und ich. Wir waren Brüder. Ich liebte diesen Mistkerl mehr als mein eigenes Leben.

Genau wie Jess …

Ich schloss die Augen, gab mich den Gefühlen für sie hin. Sofort stellte sich tiefe Ruhe ein, wie immer, wenn ich mir ihr Bild wachrief. Ich konnte sie riechen, fühlte ihre Finger auf meiner Haut, hörte das leise Pochen ihres Pulses. Sie hatte mich verzaubert. Mit ihrer Nähe, ihrer Wärme, ihrem Vertrauen.

Das war bisher noch keiner Frau gelungen, genauso wenig wie je eine von mir den Satz »Ich liebe dich« zu hören bekommen hatte.

Außer Anna, aber bei ihr war es anders.

In den letzten Monaten hatte ich mich oft gefragt, ob es ein Fehler gewesen war, Jess meine Gefühle zu gestehen. Sie hatte nichts darauf erwidert, obwohl ich spürte, dass sie es gewollt hatte. Ihre Körpersprache hatte sie verraten, wie so oft. Selbst wenn sie kein Wort sagte, kommunizierte sie. Ihre Gestik und Mimik waren wie eine eigene Sprache, die ich nicht immer verstand, aber hoffentlich mit der Zeit lernen durfte. Über mein Geständnis hätte ich wirklich zu gerne gesprochen, bevor Akil hereinplatzte und uns zutextete.

Na gut, wäre er nicht reingeplatzt, wären wir vermutlich auch nicht zum Reden gekommen …

Ich grinste bei dem Gedanken an unsere letzten gemeinsamen Minuten auf der Couch.

Sie nur mit einem Handtuch um ihren nackten Körper, und ich …

Ich brummte, strich mir durch den Nacken und schüttelte die Bilder ab. Es war nicht gut, an unsere Erlebnisse zu denken. Weder an das auf der Couch noch an das in New York, als sie halbnackt auf mir saß und ich mich auf ihrer Haut entlangküsste …

Okay, stopp. Jetzt!

Ich schüttelte mich, versuchte mit Gewalt, mein Hirn auf andere Gedanken zu lenken. Der Fluch eines perfekten Gedächtnisses.

Nichts ging verloren.

Letztlich hatten wir das alles sowieso nur den Tattoos zu verdanken, die zum Glück noch da waren. Es gab Tage, an denen ich mit nacktem Oberkörper da drüben an der Wand gesessen und sie nicht aus dem Blick gelassen hatte. Als könnte es helfen, wenn ich sie beobachtete. Ich fuhr über meine Brust, fühlte durch den Stoff ihre Wirkung. Sie hatten mich in den letzten Monaten begleitet, womöglich hatten sie mich sogar gebremst und den Jäger mit im Zaum gehalten. Ich wusste es nicht. Ich war einfach nur froh und dankbar, dass sie nicht ausgebrannt waren, und ich betete, dass sie weiterhin hielten.

Wenigstens so lange, bis ich mir einen Kuss geholt hatte.

Und vielleicht noch einen.

Und noch einen.

Wie war das mit dem Loslassen dieser Gedanken?

Ich lief weiter in der Zelle umher, mein Blick fiel auf die Dellen, die ich in der dritten Woche hineingeschlagen hatte. Mein erster heftiger Ausbruch. An diesem Tag war ich aufgewacht und hatte die Wände um mich herum einreißen wollen.

Wieder und wieder hatte ich darauf eingeprügelt, bis ich zusammengebrochen war und irgendwann am nächsten Tag in einer Blutlache aufwachte. Meine Wunden waren natürlich verheilt gewesen. Doch meinem Ego ging es nicht besser. Die Verzweiflung und die Langeweile waren zu meinen stetigen Begleitern geworden. Schließlich hatte ich viel meditiert, mich darauf besonnen, was ich bei den Seelenwächtern gelernt hatte, wie sie mir beigebracht hatten, meine Empathie und mich selbst zu beherrschen. Letzteres übte ich immer noch.

Ich blickte zu dem Fenster. Eine Möwe schrie, der Wind trug das Geräusch der Wellen zu mir. Nur noch heute. Dann konnte ich endlich diese verdammte Zelle verlassen und am Leben teilnehmen. Ich konnte heiß duschen, vernünftig essen, in einem bequemen Bett schlafen – und ich durfte jagen …

Das Brennen in meinem Inneren wuchs, wenn ich nur daran dachte. Der Jäger hatte keine Gelegenheit gehabt, auf seine Kosten zu kommen, sich die Befriedigung durch das Leid anderer zu holen. Das einzige Blut, das für ihn vergossen wurde, war mein eigenes gewesen, und das genügte ihm definitiv nicht.

Bald.

Bald konnte ich raus, durfte mich dem Kick der Gefahr hingeben, meine Finger in das Fleisch eines Opfers bohren und mich darin suhlen, dass ich der Stärkere war …

Schritte erklangen. Ich drehte den Kopf in die Richtung. Jemand kam auf meine Zelle zu. Zum ersten Mal seit vier Monaten hörte ich eine andere Seele!

Das Essen war einfach jeden Tag vor der Tür erschienen, genau wie das Wasser zum Trinken. Auf die Toilette oder waschen konnte ich mich, indem ich gegen die hintere Wand klopfte. Sie wurde durchlässig und gab den Weg auf ein fensterloses Bad frei. Spartanisch, karg. So war mein Leben gewesen.

Und heute war es vorbei.

Jetzt, um genauer zu sein!

Ich eilte zur Tür, presste mein Ohr gegen das Holz und nahm das Geräusch in mich auf. Es waren zwei Personen. Männer. Der eine war der Wächter, der mich herbrachte und einsperrte, nachdem Colin mich ausgeliefert hatte, und der andere …

»Akil …«

Er war gekommen, um mich abzuholen. Mich nach Hause zu bringen. Seine Schritte hallten in mir nach. Sie belebten mich, weckten neue Energien.

Ich durfte hier raus!

Endlich!

Meine Nägel kratzten über das Holz der Tür, hinterließen Furchen darauf. Nicht die ersten. Der Insasse vor mir hatte sich ebenfalls dort verewigt und lange Kratzer in die Oberfläche gezogen. Diese Zelle war ein Teil der Geschichte der Seelenwächter. Keine Ahnung, wie viele schon ihre Strafe hier drinnen absitzen mussten, was diese Wände alles erzählen konnten, aber meine Geschichte war heute vorbei.

Akil und der Wärter blieben vor der Zelle stehen, redeten miteinander, ich verstand nicht, was sie sagten. Die Zauber, die diese Wände umgaben, verhinderten es. Geräusche durften durchdringen, Worte nicht. Ich wich einen Schritt zurück und fixierte die Tür. Noch einmal atmete ich tief ein, sortierte die Gerüche, die Eindrücke, verabschiedete mich innerlich von diesem Ort.

Der Wächter murmelte etwas, die Zauberworte vermutlich, die die Tür durchlässig machten und mir den Weg nach draußen gewährten.

In die Freiheit.

Zurück zu meiner Familie.

Zurück zu ihr.

Ich blickte auf und sah als Erstes Akil. Er fixierte mich, in seinem Gesicht lag ein Ausdruck von Skepsis, gepaart mit Freude. In seiner Hand hielt er Fesseln.

Für mich. Natürlich. Sie wussten nicht, ob ich mich unter Kontrolle hatte oder ob gleich der Jäger herausstürmen und sie zerreißen würde. Vielleicht hätte er das sogar, wenn sie mich früher rausgeholt hätten.

Der Mann neben Akil wirkte ungerührt. Es war ein Feuerwächter, dem ich vor meiner Strafe noch nie begegnet war. Obwohl es nur noch so wenige Seelenwächter auf der Erde gab, kannte ich nicht jeden. Er hatte braune Haare, die ihm bis über die Schultern reichten. Das übliche Funkeln lag in seinem Blick, der Geruch von Rauch und Kohle wehte herein. Ich ignorierte ihn und hielt meinen Fokus bei Akil.

Mein Bruder. Mein Freund. Da stand er und überlegte vermutlich, ob mir zu trauen war oder nicht.

Ich atmete ein, trat nach vorne und ging ihm entgegen. Tausend Dinge schossen mir durch den Kopf. Tausend Fragen. Mit einem Mal wusste ich nicht, was ich tun sollte, obwohl es so einfach war. Geh weiter. Verlasse die Zelle. Geh mit Akil. Er bringt dich nach Hause.

Der Jäger meldete sich. Vorfreude stieg in mir auf. Er schnupperte die Freiheit und konnte es nicht erwarten, einen Fuß über die Schwelle zu setzen.

Erst schaltest du den Knilch links aus, dann haust du ab …

Der Jäger wusste, dass ich gegen Akil keine Chance hatte. Er war stärker als ich, zumindest vor dieser ganzen Sache mit Noah und dem Armband war er es gewesen – und er trug es noch immer.

Vielleicht wäre es doch eine Möglichkeit für mich, abzuhauen … vielleicht war er noch nicht auf der Höhe. Er wirkte blasser als sonst, ein wenig müde. Gut möglich, dass ihn das alles geschafft hatte und er gar nicht mehr stärker war als ich.

»Jaydee«, sagte er leise und kam einen Schritt auf mich zu. Er war skeptisch. Sicher spürte er, was in meinem Inneren ratterte. Akil konnte in mir lesen wie in einem offenen Buch. Er wusste, was ich sagen wollte, bevor ich es überhaupt formuliert hatte.

Ich schob den Jäger beiseite und fokussierte mich auf das Gute in meinem Leben. Neben Akil und Anna und vielleicht sogar Will gab es eine weitere Person, die ich auf keinen Fall enttäuschen wollte.

Sie wartete auf mich, bereitete sich auf mich vor, überlegte vermutlich, ob die Tattoos noch da waren. Ich griff an die Stelle. Verschwende dieses Geschenk nicht. Sie sind nicht ausgebrannt, wir könnten zusammensein.

Heute.

Morgen.

Und vielleicht länger.

»Wie geht es Jess?«, fragte ich. Meine Stimme klang fremd und belegt. Ich hatte kaum gesprochen. Mit wem auch?!

Akil grinste. »Wenn das das Erste ist, was dir durch den Kopf spukt, dann geht es dir gut.«

»Ich …«

»Komm her!« Er lief auf mich zu, und bevor ich etwas sagen konnte, lag ich in seinen Armen und atmete diesen herrlich erdigen Geruch ein. Akil hatte zurück zu seinem Element gefunden. Ich genoss den Duft, der ihn als Seelenwächter ausgab. Allein dafür war es den Extra-Monat Strafe wert gewesen.

Ich drückte ihn fester an mich und war dankbar, dass ich mich so entschieden hatte.

»Wenn wir weiter schmusen, wird es, glaube ich, komisch«, flüsterte er in mein Ohr. »Nachher denkt Jake noch, da geht was.«

Jake hieß er also. Ich blickte kurz zu ihm, doch er ignorierte uns.

Akil ließ mich los und deutete auf meinen Bart. Ich hatte ihn wachsen lassen, weil ich keinen Sinn darin gesehen hatte, ihn zu rasieren. »Schick.«

Ich strich darüber und zuckte mit den Schultern. Würde ihr es auch gefallen? »Also? Was macht sie?«

»Sie treibt jeden in den Wahnsinn, weil sie es kaum erwarten kann, dich zu sehen. Im Grunde wartet sie nur darauf, dass du ihr endlich die Klamotten vom Leib reißt.« Er sah auf meine Brust, wo die Tattoos waren. »Vorausgesetzt, das geht überhaupt noch.«

Ich zog den Kragen ein Stück herunter. »Falls sie nicht sofort ausbrennen, wenn sie mich anfasst, wird sehr viel gehen.« Hoffentlich. Ich hatte keine Ahnung, was sie nach diesen vier Monaten für mich empfand, ob sie mich noch begehrte oder ihr klargeworden war, dass ich nicht gut für sie war.

Akil grinste und hob die Fesseln. »Dann hüpf mal rein, damit du diese albernen Tests hinter dich bringen kannst.«

Kapitel 2

Jaydee

Ich stand in meiner Dusche, schrubbte den Dreck der letzten Monate weg und genoss das Prickeln des heißen Wassers. Heißes Wasser! Kein kaltes wie in der Zelle.

Meine Haut verbrannte unter der Hitze, aber das machte nichts, denn mein Körper heilte die Stellen sofort. Ein wohliges Kribbeln breitete sich auf mir aus.

Das hatte ich früher ständig getan. Nachdem Mikael gestorben war, hatte ich so heiß wie möglich geduscht. Hatte gewartet, bis meine Haut verbrannte und heilte und verbrannte und heilte und verbrannte. Als könnte ich mich dadurch selbst erneuern. Die alten Zellen starben, neue kamen hinzu. Wenn ich das wieder und wieder machte, musste ich doch irgendwann ein anderer Mensch sein.

Mittlerweile war es okay.

Mikael und ich. Wir hatten tatsächlich Frieden geschlossen. Nie hätte ich das für möglich gehalten, aber meine Seele hatte ihn losgelassen und verabschiedet. Was bis vor ein paar Monaten als ein Ding der Unmöglichkeit erschien, war eingetreten. Auch das hatte ich Jess zu verdanken, denn sie hatte die Lösung für uns gefunden, wie wir seine Seele zurück ins Licht schicken konnten und er nicht zu einem Schattendämon werden musste.

Auch dafür liebte ich sie.

Ich schloss die Augen, legte meinen Kopf in den Nacken und rief mir das Treffen vorhin im Stall in Erinnerung, bevor ich von Marysol zu den Tests geführt wurde. Entgegen ihrer Anweisung hatte sie mich nicht direkt in die Bibliothek gebracht, sondern mit mir einen Zwischenstopp eingelegt …

Ich kämpfte gegen die Übelkeit und hoffte, dass diese Reise bald vorüber war. Ich hasste es, mit Luftwächtern zu teleportieren. Es war ein beklemmendes und ekelhaftes Gefühl, als würde man in einem Schraubstock eingezwängt, der sich mit jeder Sekunde fester zuzog.

Aber auch diese Reise war irgendwann vorbei, und wir hatten wieder Boden unter den Füßen. Als Erstes fiel mir der Geruch auf, das war definitiv nicht die Bibliothek. Das war der Stall.

Unser Stall.

Ich sah Marysol fragend an, sie deutete nach links, ich drehte herum und begriff.

»Du bleibst gefesselt«, flüsterte sie, doch ich hörte sie kaum. Vor der Box stand sie.

Jess.

Sie hatte die Augen geschlossen, schwelgte offenbar in Erinnerungen, denn das war der Ort, an dem wir uns zum ersten Mal richtig unterhalten hatten und sie sich mir ein Stück öffnete.

Ich ging langsam auf sie zu, sog jedes Detail dabei in mich auf. Sie hörte mich nicht. Mal wieder bekam sie nichts von ihrer Umgebung mit. Manche Dinge änderten sich wohl nie, doch im Moment war es mir egal. Ich wollte sie nur ansehen, ihren Anblick aufsaugen und in ihrer Nähe sein.

Sie sah großartig aus, hatte zum Glück zugenommen und gesunde Rundungen bekommen. Ihr Hintern war fester, genau wie ihre Arme und Beine. Sie hatte offenkundig die Zeit genutzt und trainiert.

Je dichter ich herankam, umso deutlicher roch ich sie, und umso schlimmer wurde es für mich. Ich wollte sie an mich zerren, sie küssen und nie wieder loslassen. Ich ruckte an meinen Fesseln, die so festsaßen, dass sie mir in die Haut schnitten.

»Blümchen«, sagte ich schließlich.

Sie zuckte zusammen, fuhr herum und starrte mich mit großen Augen an. Für einige Sekunden brachte sie kein Wort heraus, als wäre sie festgefroren.

Mir ging es nicht anders.

»Fünf Minuten«, sagte Marysol. »Die Zeit läuft.«

Ganz im Gegenteil, sie hatte in dieser Sekunde gestoppt. Alles um mich herum verlor seine Bedeutung. Mein gesamter Fokus richtete sich auf sie, ich wollte nichts von ihr verpassen, musste verinnerlichen und abscannen, was aus ihr geworden war.

Vier Monate.

So elend lange.

Sie hatte sich verändert. Wirkte erwachsener, die Haare waren ein Stück länger und ihre Ausstrahlung war noch schöner.

»Sind die Tattoos noch da?«, fragte sie mit bebender Stimme.

Ich wollte eigentlich antworten, aber ich konnte es nicht. Langsam ging ich auf sie zu, kostete diesen Moment aus, der nur uns gehörte.

»Bitte, rede mit mir.«

Gleich.

»Jaydee, quäl mich nicht so.«

Oh nein, es war genau umgekehrt. Sie quälte mich. Ich wollte sie so gerne anfassen, sie an mich drücken, meine Finger in ihren Haaren versenken, aber die Fesseln verhinderten es. Also ging ich näher, genoss die Spannung, die sich zwischen uns aufbaute. Stück für Stück für Stück. Sie rieb über meine Haut, versenkte mein Herz, bis ich schließlich so dicht war, dass ich sie küssen konnte.

Und genau das tat ich. Erst stockte Jess, ich hatte sie überrascht, doch dann schlang sie die Arme um meinen Nacken, zog mich an sich und öffnete ihren Mund.

Ich küsste sie härter, drängte sie zurück, bis sie gegen die Boxenwand stieß, ohne von ihr abzulassen.

Mehr.

Ich brauchte definitiv mehr von ihr.

Jetzt.

Nachher.

Für immer.

Marysol räusperte sich dezent. Ich ließ kurz von Jess ab, damit sie Luft holen konnte.

»Also ist die Antwort auf meine Frage: Ja«, flüsterte sie.

»Und wie sie noch da sind.« Ich lächelte und nahm einen weiteren tiefen Atemzug, bevor ich sie ein zweites Mal küsste. »Gott, hab ich dich vermisst.«

Das war vor einigen Stunden gewesen. Mittlerweile hatte ich die Tests hinter mich gebracht. Sie waren anstrengend und zermürbend gewesen. Der Jäger hatte rausgewollt, er suchte nach Gewalt, wie ein Junkie nach seinen Drogen, doch Marysol hatte mir geholfen, ihn im Griff zu halten. Ihre Ruhe, ihr Verständnis, ihr Können hatten ihn gebannt und die Ketten festgezurrt, die ihn in meinem Inneren bannten. Und so hatte ich die Tortur überstanden, ohne jemanden zu verletzen.

Danach wäre ich am liebsten sofort zu Jess aufgebrochen, doch ich musste mich erst sammeln.

Heute Nacht gehörst du mir.

Das hatte ich ihr vorhin versprochen.

Ich hatte vor, dieses Versprechen einzuhalten …

Kapitel 3

Jaydee

Eine halbe Stunde später betrat ich die Trainingshalle und nahm einen tiefen Atemzug. Der vertraute Duft der Bäume füllte meine Lunge. Ich ließ ihn in mir wirken, genoss die Stärke und die Energie, die mich dadurch fluteten. Stunde um Stunde, Tag um Tag hatte ich in dieser Halle zugebracht. Ich hatte hier gekämpft und geblutet und meinen Körper bis an seine Grenzen getrieben. Früher war das die einzige Möglichkeit für mich gewesen, wie ich Dampf ablassen konnte. Auch in der Isolation hatte ich viel trainiert. An den Eisenstangen vom Fenster Klimmzüge oder Beinheben gemacht, Liegestütze, Handstände, alles, um mich fit und beschäftigt zu halten.

Seit ich zu Hause war, kam mir alles intensiver vor. Als hätte jemand die Farben, Gerüche und Geräusche hochgedreht. Aber es war nicht unangenehm, eher intensiv berauschend. Als mussten sich meine Sinne mit all diesen Eindrücken erst wieder volltanken und die Verkrustungen der letzten Monate lösen.

Und ich ließ es genauso zu, genoss jeden einzelnen Schritt, bis ich schließlich das Wäldchen verließ und am See stand.

Ich roch Jess, bevor ich sie sah.

Sie duftete nach Minze, nach Rosenshampoo und nach sich selbst. Es war diese herrlich herbe Note, die unter ihrem ganz eigenen Körperduft mitschwang. Sie änderte sich je nach Stimmung, mal dunkler, mal süßer … ich mochte jede Variante.

Ein Ast knackte unter meinem Stiefel, ich gab mir keine Mühe, leise zu sein.

Sie drehte herum und starrte mich an.

Absolut atemberaubend.

Sie trug ein schwarzes, eng anliegendes Kleid, das ihre Kurven perfekt betonte. Ihre Haare fielen offen über ihre Schultern, warteten nur darauf, dass ich meine Finger darin vergrub.

Verflucht, ich klang wie die Helden in diesen schrecklichen Heftromanschnulzen, die Auguste früher so gerne gelesen hatte. War es das, was Liebe aus einem machte? Einen hirnlos sabbernden Vollidioten, der nur Sülze von sich gab?

»Hi«, sagte Jess und holte mich aus diesem merkwürdigen Stadium wieder heraus. Sie wirkte nervös, leicht hektisch, auch wenn sie sich bemühte, ihre Unsicherheit zu überspielen.

Zu Beginn hatte ich es oft darauf angelegt, sie aus der Bahn zu werfen und einzuschüchtern. Ich wollte, dass sie dorthin zurückkehrte, wo sie hergekommen war: in ihr Menschenleben, das sich von einer Nacht auf die andere grundlegend geändert hatte.

Die Zeiten änderten sich, alles änderte sich, und heute wollte ich sie am liebsten ständig an meiner Seite wissen. Ich ging langsam näher, stellte mir vor, sie aus diesem Stück Stoff zu schälen und jeden Zentimeter ihrer Haut zu küssen.

»Wie … wie waren die Tests?«, fragte sie.

»Müßig.« Ich blähte die Nasenflügel und badete in ihrem Duft. Diese Frau war der pure Wahnsinn. Sinnlich. Betörend. Anregend.

Und sie wusste nicht einmal etwas davon.

»Du siehst absolut umwerfend aus, Jess.«

»Danke.«

»Dieses Kleid …«

Sie hob die Arme. »Hab ich extra für heute gekauft.«

Ich lächelte. Wenn sie das nur für mich machte, hieß das wohl, dass ihr doch etwas an mir lag, aber war es genauso viel, wie ich für sie empfand?

Und was zum Teufel sollte ich tun, wenn es nicht so war?

Ich beugte mich nach vorne, suchte nach der Wärme ihres Körpers und diesem Kribbeln zwischen uns. Sie drehte den Kopf, bestimmt, weil sie erwartete, dass ich sie küssen wollte, doch ich brauchte erst mehr von diesem Geruch. Ich fuhr mit der Nase über ihre Wange, bis zu ihrem Ohr und tiefer zu ihrem Hals.

»Der pure Wahnsinn«, hauchte ich gegen ihre Haut. Sofort schlug ihr Herz schneller, sie bekam Gänsehaut und lehnte sich mir unbewusst entgegen.

»Wie geht es dir?«, fragte sie heiser, aber ich war mir nicht sicher, ob sie wirklich reden wollte.

»Im Moment gerade … gut.«

»Willst du über die Tests …«

»Nein. Nicht jetzt. Nicht später. Hake es ab.« Oder noch besser: Streiche es aus deinem Gedächtnis.

»Ich nehme an, das gilt auch für die letzten vier Monate?«

»Das gilt vor allem für die letzten vier Monate. Die Isolation ist vorbei. Ich habe es überstanden, und das ist alles, was zählt. Wir sind wieder zusammen.«

»Du solltest es aber nicht mit dir herumtragen.«

Wir brauchten dringend einen Themenwechsel. »Was ist in dem Korb?«

»Essen. Ich dachte, wir könnten ein Picknick machen, oder möchtest du lieber ausgehen?«

»Ich möchte nur eins: dich küssen.«

»Dann solltest du das tun.«

Ja.

Ich griff in ihren Nacken, zog sie sachte an mich. Vorhin im Stall hatte ich mich kaum bremsen können. Dieses Mal wollte ich sie nicht überrumpeln, auch wenn es mich alle Selbstbeherrschung kostete, ihr nicht das Kleid vom Leib zu reißen und sie hier und auf der Stelle zu … Sie seufzte tief in meinen Mund, zwang mich so, mich auf sie zu konzentrieren. Ich erwiderte den Kuss. Ruhig. Besonnen. Zurückhaltend. Eins nach dem anderen. Ich durfte sie nicht überfordern.

Als ich von ihr abließ, ging ihr Atem schneller. »Hast du die Halle abgeschlossen? Nicht, dass Akil auftaucht und uns wieder eine seiner Geschichten erzählen will.«

»Die Halle kann man nicht abschließen, aber ich habe Akil gesagt, falls er es wagen sollte herzukommen, werde ich ihm ein weiteres Mal einen Dolch in die Brust rammen, und dann werde ich sein Herz nicht verfehlen. Außerdem darf ich dich daran erinnern, dass du ihn auf Malea Island hereingelassen hast, nicht ich.«

»Sei nicht so kleinkariert.«

»Kleinkariert?«

»Es war eine spannende Geschichte.«

»Nicht halb so spannend wie das, was ich mit dir heute Nacht anstellen werde.«

Sie stockte kurz. Erst als meine Worte einsickerten, änderte sich ihre Körperhaltung und ihr Duft.

Nach unserer ersten gemeinsamen Nacht in New York – die leider viel zu schnell vorüber war – hatte ich es ihr versprochen: Sobald ich die Tattoos erneut besaß, würde ich mich Stück für Stück über ihren Körper küssen, und genau das hatte ich vor. Wollte es eigentlich schon auf Malea Island tun, aber sie hatte ihre beste Freundin verloren und Trost gebraucht, und als sie bereit für mehr war, platzte Akil herein.

Ich strich mit der Hand über ihre Wange, doch die Tattoos blockten ihre Gefühle ab. Das war Teil des Deals, entweder alle Emotionen oder keine … »Auch, wenn es für uns wichtig ist, dass ich deine Gefühle nicht spüre, wüsste ich zu gerne, was in dir vorgeht.«

»Ich … ich bin nur …«

Ja, was? Sag es mir. Wobei ich es bereits ahnte. Ihr Herz schlug hektisch, sie wirkte nervös. Es war das erste Mal, dass wir ungestört waren, und Jess war bisher noch nie weiter mit einem Mann gegangen als unsere Knutscherei.

Womöglich war das heute doch zu viel für sie.

»Ich glaube, ich brauche einen Schluck Sekt.«

Okay, jetzt kam sie in ihren Faselmodus. Wie so oft, wenn sie unsicher wurde, aber ich ließ sie machen, nahm ihr die Flasche ab und entkorkte sie. Jess trank das erste Glas auf ex und wollte gleich Nachschub haben. »Du musst dir keinen Mut antrinken.«

»Darf ich trotzdem noch?«

Ich runzelte die Stirn und erfüllte ihr den Wunsch. Dieses Mal machte sie langsamer.

»Ich … ich … Oh, Mann, ich bin ganz schön neben der Spur. Ich möchte so viel und am liebsten alles gleichzeitig. Es gibt jede Menge zu erzählen, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.«

Durchatmen wäre eine Möglichkeit. »Komm her.« Ich stellte unsere Gläser weg, zog sie an mich und ließ mich mit ihr auf die Decke sinken. Sie folgte mir bereitwillig und fand zurück zu ihrer Ruhe.

Gut. Wenn sie das brauchte, sollte sie es haben, abgesehen davon war es ein großartiges Gefühl, sie so nahe an mir zu spüren. Ihr Herzschlag beruhigte sich langsam, sie bettete ihren Kopf auf meiner Brust, brummte zufrieden. Ich zwirbelte eine Haarsträhne um meine Finger, während sie unter mein Shirt glitt und meine Bauchmuskeln nachzeichnete.

»Du hast ganz schön an Muskeln zugelegt.«

»Training war das einzige, mit dem ich mich beschäftigen konnte.« Und jetzt frag bitte nicht, mit was ich mich sonst noch beschäftigt habe!

Zum Glück tat sie es nicht. Sie erzählte mir von den letzten vier Monaten, von Zac, von ihrer Angst, dass er sie angelogen hatte, von Auguste und den Tagebüchern. Wir füllten unsere Lücken auf, und ich versprach ihr, dass wir weiter gemeinsam nach Hinweisen auf ihre Mutter suchen würden.

Mit jeder Minute entspannte sie sich mehr, strich meinen Oberkörper hoch und genoss meine Nähe. Genau wie ich die ihre. Ihre Finger wanderten mal höher, mal tiefer und hinterließen dabei eine wohlige Spur auf meiner Haut. »Das kannst du meinetwegen die ganze Nacht tun.«

»Ich würde gerne noch mehr als das tun.«

Sie küsste mich am Hals, aber ich war zu abgelenkt von ihren Worten, als es wirklich genießen zu können. Da kam gleich ein Aber hinterher, ich fühlte es.

»Aber ich … ich hab Bammel.«

Ich blickte sie an, hoffentlich so, dass sie begriff, dass ich nichts tun würde, was sie nicht wollte. »Dann werde ich alles dafür tun, dass du keinen Bammel haben musst. Ich will dich, aber ich werde dich zu nichts drängen.«

Keine Ahnung, ob das die Worte waren, die sie brauchte, ob ich ihr die  Zweifel austreiben konnte. Bisher war ich noch nie mit einer Frau zusammengewesen, die so wenig Erfahrung hatte. »Du bist so unglaublich schön.«

Röte schoss in ihre Wangen.

»Und ich liebe dich.«

Sie hielt die Luft an.

Ich wartete einen Moment, ob sie etwas erwidern wollte, aber die einzige Reaktion, die sie zeigte, war ein nervöses Kauen auf ihrer Lippe. Dieses Mal benötigte ich keine Empathie, um zu wissen, was in ihr vorging: »Du denkst zu viel nach«, flüsterte ich und zog sie zu einem Kuss an mich.

Eigentlich war ich derjenige, der zu viel dachte, ich brauchte die Ablenkung, nicht sie. Und so küsste ich sie zärtlich und behutsam und versuchte, ihr zu signalisieren, dass wir uns Zeit lassen konnten, auch wenn mein Körper das ganz und gar nicht einsah.

Sie zog mich auf sich und küsste mich intensiver. Jede andere wäre schon längst nackt gewesen und wir voll bei der Sache. Aber Jess war nun mal nicht jede andere. Ich glitt mit den Lippen über ihren Hals, runter zu ihrem Schlüsselbein, wo sie so gerne geküsst wurde. Ich kannte noch viel zu wenige von diesen Stellen.

Wir küssten uns lange und intensiv, sie zog mir das Shirt aus, glitt mit den Fingern über die Tattoos und fuhr die Konturen nach. Mit jedem weiteren Kuss wuchs mein Verlangen nach ihr. Sie presste ihre Hüfte gegen meine, auch wenn ich ihre Emotionen nicht aufnehmen konnte, verriet mir ihr Duft, dass sie mich genauso wollte wie ich sie.

Ich griff in ihren Rücken und rollte mir ihr herum, damit sie auf mir saß. Zielstrebig glitt ich an den Reißverschluss ihres Kleides und öffnete ihn.

Scheiß auf die guten Vorsätze von eben, ich brauchte mehr von ihr. »Du siehst absolut atemberaubend aus«, sagte ich und fuhr über den seidigen Stoff ihres BHs. Ich setzte mich auf, küsste ihr Dekolletee, ihre Schulter und zog sie langsam aus. Kurz fühlte ich ihre Unsicherheit, aber da sie mich nicht aufhielt, machte ich weiter.

Sie schloss die Augen, lehnte sich nach hinten und kratzte mit den Nägeln über meinen Rücken.

»Jaydee …«

Ihre Nähe raubte mir den letzten Nerv. Wie machte sie das nur?

Sie strich mir eine Haarsträhne weg und blickte mich an. Ich hielt inne. Ihre Augen hatten einen neuen Glanz,, studierten mich an, als sähen sie mich zum ersten Mal.

»Ich …«

Ja, was verdammt! Am liebsten hätte ich sie geschüttelt, damit sie mit der Sprache rausrückte.

»Ich … ich liebe dich auch«, sagte sie auf einmal und hielt die Luft an.

Moment. Moment. Hatte sie das gesagt, oder hatte ich es mir nur eingebildet?

So wie sie mich anstarrte, offenbar nicht, aber ich musste sichergehen. »Sag es noch mal.«

»Ich liebe dich. Und ich will dich. Alles. Heute Nacht.«

Ich … wow … das … ich hatte mich nicht verhört. »Noch mal.«

»Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich …«

Ich warf sie zurück auf den Rücken und beschwerte sie mit meinem Gewicht. Die Worte blieben ihr im Hals stecken, als ich sie weiter und weiter küsste. Auf einmal gab es kein Zurückhalten mehr, keine Unsicherheit.

Sie wollte mich.

Mich, verflucht!

Und das sollte sie haben.

Heute.

Morgen.

Vielleicht für immer.

Fähigkeiten

Gepostet am

August 2, 2016