Zusatzszene Karibik – Bitte erst nach Band 12 lesen

Ich habe mal wieder eine kleine Zusatzszene für Euch geschrieben. Ihr sollte sie wirklich  nur lesen, wenn ihr BAND 12 durch habt! Sonst werdet ihr extrem gespoilert.

Sie findet an dem Morgen statt, an dem Jaydee mit Jess gemeinsam aufwacht und sie sich Frühstück bereiten. Und sie endet dann kurz vor dem gemeinsamen Mittagessen. Den Rest könnt ihr ja in Band 12 weiterlesen 🙂

Viel Spaß damit.

Jessamine

Als ich aufwachte, wusste ich erst nicht, wo ich war. Ich lag in einem fremden Bett, in einem fremden Zimmer, mit fremden Gerüchen. Ich hob den Kopf und blickte mich um. Eine warme Brise wehte durch das geöffnete Fenster. Die Sonne war aufgegangen und tauchte den Raum in ein angenehmes Licht. Draußen rauschte das Meer, im Bad die Dusche.

Die Karibik. Ich war in der Karibik.

Ich strich über meine Arme, sog den ungewohnten Duft auf meiner Haut ein. Jaydee. Er war eben noch hiergewesen, hatte mich gehalten und mich in sein Bett getragen. Nur langsam kehrten die Erinnerungen an die vergangene Nacht zurück. Ich sah uns wieder in der Kirche, wie wir Mikael ins Licht entsandten, wie wir Violet in der Krypta fanden und wie ich sie gestern Nacht nach Hause geschickt hatte.

Mein Herz zog sich zusammen, sofort füllten sich meine Augen mit Tränen.

Es war richtig! Es war richtig! Es war richtig!

Wenn ich es mir oft genug vorsagte, konnte ich es womöglich auch bald akzeptieren.

Ich schnappte das Kissen neben mir, vergrub meine Nase darin und nahm einen tiefen Atemzug. Es roch herrlich angenehm nach ihm, hielt sogar noch einen Rest Wärme von seinem Körper gespeichert.

Jaydee war für mich dagewesen.

Er hatte mich gehalten, mich getröstet, mich aufgefangen. Er hatte mir bei einer der bisher schwersten Entscheidungen geholfen. Mit seiner Nähe und seinem Körper. Etwas, das vor ein paar Tagen absolut undenkbar gewesen wäre.

Die Wärme des Kissens hüllte mich ein. Ich ließ es zu. Genoss es, ihn so bei mir zu spüren und gestattete mir zu träumen, dass es vielleicht immer so sein könnte …

Auf einmal drehte er das Wasser ab.

„Jaydee?“ Ich warf das Kissen weg, als wäre es albern, wenn er mich damit erwischte, setzte mich im Bett auf, wischte mir die Augen trocken.

„Ja. Moment.“

Jaydee erschien in der Tür. Er hielt ein Glas Wasser in der Hand und war nur mit einer Jeans bekleidet. Tropfen fielen von seinen Haaren auf seine Schulter. Einer bahnte sich den Weg nach vorne über seine Brust hinunter zu seinem Bauch.

„Oh“, stammelte ich und starrte auf die Tattoos, die auf seiner Haut tiefschwarz hervorstachen. „Sie sind noch da.“

„Offensichtlich.“

Ja. Klar. Ganz offensichtlich, wenn man nicht blind war … Hitze schoss mir in die Wangen. Ich faselte dummes Zeug, wenn ich nervös wurde, und Jaydee machte mich nervös. So war es von Anfang an gewesen, so war es immer noch.

„Wie hast du geschlafen?“

„Gut. Erstaunlich gut. Vielleicht zu gut.“ Er kam zu mir und setzte sich auf mein Bett, reichte mir das Wasser. Ich nahm es dankend entgegen und kippte es in einem Zug hinunter. „Ich meine, es sollte nicht so sein, oder? Ich dürfte nicht ruhig schlafen, während Violet … wenn sie …“

„Wenn sie zurück nach Hause kehrt? Du hast ihr Frieden geschenkt.“

„Ich habe sie verloren. Sie kann nie mehr an mich gebunden werden. Sie wird einen anderen Schützling finden, eine andere Jess, und auf sie aufpassen.“

Er legte seine Hand um meinen Hinterkopf und zog mich an sich. Ganz sachte drückte er einen Kuss auf meine Haare. Es war ein angenehmes, unglaublich vertrautes Gefühl, obwohl wir uns erst einmal so nahegekommen waren.

„Wenn ich eins in den letzten Wochen gelernt habe, dann, dass viele Dinge möglich sind, mit denen wir nicht rechnen. Violet ist wohlbehalten und sicher. Sie ist im Moment nicht bei dir, aber sie muss weder leiden noch Schmerzen ertragen. Sie ist nicht tot.“

„Sie ist nicht tot …“, wiederholte ich. Er hatte recht. Ich wusste, dass er recht hatte, aber dennoch war da eine unglaubliche Leere in meinem Herzen.

„Und wer weiß, vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, sie doch wieder an dich zu binden.“

Ich schmiegte mich enger an seinen Hals, wollte mehr von ihm spüren. Es half mir, mich zu sortieren, nicht zu viel nachzudenken, einfach nur zu genießen. Und Jaydee ließ es zu. Er hielt mich, ohne zu fordern, er war einfach für mich da. Für mich!

„Das ist ziemlich gefühllos von mir“, sagte ich.

„Was denn?“

„Wegen Violet zu trauern, während du ein zweites Mal Mikael verloren hast.“ Es musste die Hölle für ihn gewesen sein, das durchzumachen. Ich war heilfroh, dass wir rechtzeitig gekommen waren, um Mikael ins Licht zu schicken, aber wenn ich mir vorstellte, etwas Ähnliches mit Ariadne zu erleben, schauderte es mich.

„Dieses Mal hat es sich anders angefühlt. Außerdem hast du vor ein paar Stunden deine beste Freundin verabschiedet. Es ist absolut verständlich, dass dich das mitnimmt.“

Ich lächelte, drückte meine Nase an seine Haut und atmete den leicht erdigen Geruch ein. „Danke.“

„Wofür?“

„Dass du bei mir bist. Dass du mich gehalten hast. Dass du das da …“, ich drehte mich ein Stück, sah auf seine Brust und strich über die Tattoos, „… dafür verschwendet hast“.

„Das war keine Verschwendung, Jess.“ Er legte die Finger unter mein Kinn und hob mein Gesicht an, zwang mich so, ihn direkt anzusehen. Seine Augen schimmerten in einem hellen Grauton. Noch nie hatte ich bisher so eine Augenfarbe bei jemandem gesehen. Sie passte sich seinem Gemüt an, konnte bedrohlich sowie anziehend wirken.

Es gab schon mal jemanden wie dich.

Das hatte Violet gestern zu ihm gesagt, kurz bevor sie verschwand. „Ich weiß übrigens nicht, was Violet gestern mit ihrem Spruch meinte. Als wir damals Ariadnes Asche auf dem See verteilten, hatte sie erwähnt, dass sie etwas Ähnliches wie dich schon mal gesehen hätte. Mehr sagte sie leider nicht dazu.“

Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Sicher hatte er sich erhofft, ich könnte ihm mehr dazu sagen, doch statt weiter nachzuhaken, küsste er mich auf die Nasenspitze. „Mach dir jetzt keinen Kopf darüber. Hast du Hunger?“

Mein Magen antwortete für mich und gab ein empörtes Grummeln von sich.

Jaydee lächelte. „Dann lass uns frühstücken.“

Er reichte mir die Hand und zog mich aus dem Bett. „Ich muss mich erst frisch machen.“

„Tu das, ich bin in der Küche.“

Ich verschwand im Bad, ging auf die Toilette und putzte mir die Zähne. Kurz überlegte ich noch zu duschen, aber ich wollte so schnell wie möglich wieder bei Jaydee sein. Wer wusste, wie lange die Tattoos hielten.

Als ich barfuß runter in die Küche kam, duftete es bereits nach frischem Kaffee und Eiern. Jaydee stand am Herd und rührte in einer Pfanne. Er hatte sich ein dunkles Shirt angezogen, die Jeans saß locker auf seiner Hüfte.

„Riecht sehr lecker.“ Und er sah lecker aus. Wobei es bedauerlich war, dass seine Haare mittlerweile so kurz waren, ich mochte den verwegenen Zottellook. Hoffentlich ließ er sie wieder wachsen.

„Schön. Setz dich.“ Er deutete auf den Barhocker an der Theke. Die Küche war schlicht, aber schön eingerichtet. Die Möbel waren hell und gepflegt. Sie passten zu diesem leicht-lockeren Karibikflair, das auf der Insel herrschte. Ich ließ mich auf den Hocker sinken. Von meinem Platz aus konnte ich auf das Meer sehen und gleichzeitig Jaydee dabei beobachten, wie er Brot in den Toaster steckte und zwei rote Paprika auf ein Schneidebrett legte.

„Kann ich dir helfen?“

„Nein. Danke.“ Er holte ein Messer aus einer Schublade und befreite die Paprika von ihrer Schale. Ich sah ihm dabei zu, wie seine Finger flink und effektiv arbeiteten, er das Gemüse klein hackte, als wäre er in einer Großküche in die Lehre gegangen.

„Das sieht aus, als würdest du das öfter machen.“

Er sah mich unter halb geschlossenen Augen an und grinste. „Bei Mikael gab es gewisse Regeln: Gehe nicht mit schmutzigen Stiefeln durch den Flur, fluche niemals in der Küche, bring die Sachen dorthin zurück, wo du sie geholt hast, und so weiter.“ Er warf die Paprika in die Pfanne, durchsuchte die unteren Schränke, bis er eine Saftpresse fand, fischte zwei Orangen aus einem Korb und teilte sie in zwei Hälften. Verstohlen beobachtete ich das Muskelspiel in seinem Unterarm, während er sie auspresste. „Natürlich hatte ich sehr viel im Kopf, nur nicht, mich an diese albernen Regeln zu halten. Eine beliebte Strafe war damals der Küchendienst.“ Er leckte sich einen Tropfen Saft vom Daumen, goss ein Glas ein und schob es mir zu. Ich griff danach. Kurz streiften sich unsere Finger. Ein angenehmes Kribbeln fuhr von der Stelle meinen Arm hoch. Ich genoss es – jetzt durfte ich es ja – und trank den Saft langsam aus. Herrlich. Herb und süß. Jaydee stützte sich mit den Ellbogen auf der Arbeitsplatte ab und sah mir zu, wie ich um den letzten Tropfen kämpfte.

„Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit ich in der Küche verbracht habe. Es hat sich angefühlt, als wäre ich dort eingezogen. Irgendwann gewöhnte ich mich daran und half Auguste freiwillig. Ich habe schon seit Jahren nicht mehr gekocht, war mal wieder Zeit.“

Erst als das Glas wirklich, wirklich leer war, gab ich es zurück. Er nahm es lächelnd entgegen und presste zwei weitere Orangen aus. Mir brannte es auf der Zunge, ihn nach Auguste zu fragen. Mikael hatte gesagt, dass meine Mutter Tagebuch geführt hatte und wir zu Auguste sollten. Doch ich wollte nicht die losgelöste Stimmung zwischen uns töten, indem ich ihn darauf ansprach. Beim letzten Mal, als wir über sie geredet hatten, hatte er heftig reagiert und sogar Tobias in New York eine runtergehauen, nachdem der Augustes Namen erwähnte.

Jaydee schien nicht zu bemerken, was in meinem Kopf vor sich ging. Er arbeitete im Stillen weiter, stellte mir ein zweites Glas Orangensaft hin und kümmerte sich dann um die Eier. Ich fuhr mit den Fingern über das Glas, ohne davon zu trinken.

„Ich habe früher gerne mit Mum gebacken. Wir machten jeden Sonntag etwas anderes. Muffins, Kuchen, Torten. Der Tag gehörte uns und der Küche.“

Toast sprang heraus, er legte die Scheiben auf zwei Teller. „Butter?“

„Nein. Danke.“

„Der Kaffee ist auch fertig, wenn du magst, kannst du ihn umfüllen.“

Ich schob mich von dem Barhocker und ging zur Maschine. Es war kein Vollautomat, sondern eine ältere Filtermaschine, aber es duftete lecker.

„Schön, dass ihr so eine Tradition hattet“, fügte er schließlich an.

„Ja. Mum hielt sie ein, egal wie beschäftigt sie war. Die Sonntagmorgen-Backorgie war ihr heilig, wobei sie im letzten Jahr vor ihrem Verschwinden nicht mehr so bei der Sache gewesen war. Früher hatten wir eigene Figuren kreiert, entweder Monster mit Hörnern und lustigen Gesichtern oder Charaktere aus den Disney-Filmen. Die Schöne-und-das-Biest-Muffins waren meine Favoriten gewesen. Violet durfte zu der Zeit nicht die Küche betreten. Ich wollte sie immer mit unseren neuen Kreationen überraschen. Es war der perfekte Tag gewesen, weißt du?“

„Ich kann es mir vorstellen.“

„Schließlich schloss sich Mum immer mehr in sich ein. Am Ende saß sie nur noch an der Theke und reichte mir das Mehl und Eier, während ich alles andere erledigte. Sie wirkte so unendlich traurig und verloren. Bis sie eines Morgens gar nicht mehr da war.“ Verschwunden. Einfach so.

„Und du hast keinen Schimmer, warum sie gegangen ist?“

„Nicht den geringsten. Autsch!“ Der heiße Kaffee schwappte über meine Hand. Ich hatte die Kanne zu schnell umgeschüttet. Sofort war Jaydee bei mir, zog mich zum Waschbecken und drehte den Hahn auf. Er hielt meine Finger unter das kalte Wasser, bis der Schmerz nachließ.

„Ich kann dich leider nicht heilen.“

„Ist auch nicht so schlimm, ich hab mich mehr erschrocken als alles andere.“

Aber es war schön, von ihm berührt zu werden. Ich lehnte mich gegen seine Schulter. Noch immer fühlte es sich merkwürdig fremd an, ihn anzufassen. Vorsichtig rieb ich meine Nase an seinem Shirt, atmete ihn ein. Vorhin hatte er erdig gerochen, jetzt mischte sich sein Geruch mit dem Duft des Meeres, der durch die geöffneten Terrassentüren hereindrang. Jaydee legte den freien Arm um mich und hauchte einen Kuss auf meine Haare.

„Es geht übrigens schon wieder“, sagte ich leise.

„Gut.“ Doch er gab mich weder frei noch stellte er das Wasser ab. Seine Nase strich zärtlich über meinen Kopf. Er brummte leise. Das Geräusch vibrierte in meinem Körper fort, verursachte mir Gänsehaut. Ich drehte mich weiter in seine Umarmung, damit ich noch näher an ihn herankam. Sein Körper strahlte eine angenehme Wärme ab, gemischt mit der Kühle des Wassers auf meiner Hand sickerte seine Nähe bis tief in meine Zellen.

„Ich glaube, deine Eier brennen an.“ Erst als ich den Satz ausgesprochen hatte, fiel mir auf, wie schräg er sich anhörte. Ich versteifte mich, Jaydee hielt die Luft an, dann lachte er schallend und ließ mich los.

„Du hast Glück, dass ich nicht Akil bin. Der hätte richtig Freude an dieser Steilvorlage.“

Oh Mann, wie peinlich …

Ich trocknete mir die Hände ab, während Jaydee nach dem Essen sah. Die Stelle, an der wir uns berührt hatten, kribbelte nach, als hätte ich sie mit Brausebonbons eingerieben. Ich strich mit den Händen darüber und wollte nicht, dass dieses Gefühl aufhörte.

„Bei uns gab es sonntags immer Dampfnudeln“, sagte er und hob das Omelett aus der Pfanne. „Auguste hat sie gemacht. Eigentlich für die Besucher, die an den Tagen vorbeikamen, doch ich stand stets bereit und klaute ihr welche. Aber nur, wenn ich schnell genug war und sie die Ladung nicht vorher wegwarf, denn wenn die Kruste nicht genauso wurde, wie sie es sich vorstellte, flippte sie aus.“ Er wirkte unbeschwert, während er das erzählte. Ich sah ihm an, dass es eine schöne Erinnerung war, vielleicht eine der wenigen, die er mit dieser Zeit verband. Ich wusste nicht, ob ich nachfragen sollte oder es besser war abzuwarten, also hielt ich die Klappe.

„Wollen wir auf die Terrasse zum Frühstücken?“, fragte er und reichte mir einen Teller. Also keine weiteren Erinnerungen von seiner Seite.

„Gerne.“

Wir schnappten uns den Kaffee und den Saft und gingen nach draußen. Die Temperaturen waren angenehm warm, Pelikane zogen ihre Kreise, fischten im Wasser ebenfalls nach ihrem Frühstück. Wir stellten das Essen auf den Tisch, ich wischte über die Sitzbezüge der Stühle und schüttelte den Staub aus. Dieser Morgen wirkte so unbeschwert wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Als würden wir das immer so machen, als wäre das unsere Routine, um in den Tag zu starten.

Und das alles, nachdem Violet gerade mal ein paar Stunden weg ist …

Ein dicker Kloß breitete sich in meiner Kehle aus, ich setzte mich, nahm die Gabel, ohne zu essen. Obwohl ich Kohldampf hatte, bekam ich plötzlich keinen Bissen mehr herunter.

„Was ist?“, fragte Jaydee.

Ich zuckte mit den Schultern und wischte mir eine Träne aus den Augen. „Ich wünschte, sie wäre jetzt hier und könnte das mit mir erleben. Nicht, dass es nicht schön mit dir wäre, aber …“

„Schon gut. Ich weiß genau, was du meinst.“ Er streckte die Hand über den Tisch, ich ergriff seine Finger, stellte so eine Verbindung zwischen uns beiden her. „Ich wünschte, ich könnte dir etwas sagen, dass es leichter macht. Aber das wären alles nur Floskeln und abgedroschene Phrasen. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, trauere um sie, behalte sie in Erinnerung und freu dich über die Jahre, die ihr gemeinsam verbringen durftet.“

Ich atmete tief die salzige Luft ein und ließ seine Worte in mir sacken. Jaydee besaß die Gabe, mich mit seiner Stimme zu berühren. Ganz tief drinnen im Herzen. Da fühlte ich diese Wärme, wenn er mit mir sprach. Sie breitete sich von der Mitte her aus, bis sie meinen gesamten Körper erfüllte und mich in diese angenehme Glocke hüllte, zu der nur er und ich Zugang hatten, in der er es nichts anderes gab als uns beide.

Ich biss von meinem Toast ab und schaute einem Pelikan zu, der sich in der Nähe niedergelassen hatte und sein Gefieder putzte.

„Violet mochte es, am See zu sitzen. Am liebsten am Abend. Dann ging sie auf unsere Terrasse, pflanzte sich in ihren Lieblingsstuhl und sah der Sonne zu, wie sie langsam unterging. Sie machte das jeden Tag. Ohne Ausnahme. Natürlich nicht mehr, nachdem wir bei euch aufgenommen worden waren. Nachdem ich herausgefunden hatte, was sie war, stellte ich mir immer vor, dass sie so mit den anderen Fylgjas spricht. Sie erklärte mir aber, dass das nicht möglich sei. So lange sie auf der Erde weilte, gab es keine Möglichkeit für sie, die anderen zu kontaktieren. Ich hatte sie oft gefragt, ob sie das vermisste, aber sie verneinte es jedes Mal. Sie wäre hier bei mir und ich war ihr Zuhause, aber während sie auf der Terrasse saß und in den Sonnenuntergang blickte, da gab es stets diesen einen Moment. Kennst du den Augenblick, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, oder in unserem Fall hinter dem Berg, und man einen letzten Lichtstreifen sieht?“

Jaydee nickte.

„Dann bekamen ihre Augen ein Leuchten. Ich hatte sie manchmal vom Küchenfenster aus beobachtet, weil ich es so faszinierend fand. Sie reagierte immer gleich, legte die Hände in den Schoß, hielt die Luft an und blinzelte nicht. Es war, als würde sie für diesen kurzen Zeitraum an einem anderen Ort verweilen, als würde ihre Seele doch nach Hause finden.“

„Vielleicht war es ja so.“

„Vielleicht.“ Ich würde es nie erfahren. Ich trank meinen Kaffee aus und blickte aufs Meer. Bis zum Sonnenuntergang würde es noch dauern, aber wenn ich es schaffte, würde ich mich hier auf die Terrasse setzen und es wie Violet machen. Womöglich fand ich sogar einen Zugang zu ihr.

Jaydee strich mit den Fingern über meine Haut und verursachte mir mit der Berührung schon wieder Gänsehaut. Ich blickte zu ihm. Lächelte. Er erwiderte es. Dieser Mann war so unglaublich schön. Diese sanfte Art stand ihm außerordentlich gut. Er strahlte pure Sicherheit aus, als könnte mir in seiner Nähe nie etwas Schlimmes widerfahren.

Und dennoch wusste ich aus eigener Erfahrung, dass es nicht so war. Sobald die Tattoos weg waren, müssten wir wieder auf Abstand gehen. Ich zog meine Hand zurück und futterte mein Frühstück auf. Nicht darüber nachdenken. Noch nicht.

Wir aßen schweigend, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Die Stille war jedoch nicht drückend, sondern vertraut und angenehm.

Als wir fertig waren, stellte Jaydee das Geschirr zusammen. Ich streckte die Arme nach oben, rotierte meinen Nacken und gähnte. Obwohl ich gut geschlafen hatte, war ich noch immer hundemüde. Jaydee lächelte mich an, nahm die Teller und trug sie rein. Ich sah ihm hinterher. Kaum war er im Haus, fühlte ich mich sofort leer und mich fröstelte. Als würde die Umgebungstemperatur nicht mehr genügen, um mich warm zu halten. Ich stand auf, lief ans Ende der Terrasse und schlang die Arme um mich.

Noch hatte ich keine Ahnung, wie es jetzt generell weitergehen würde. Was die Seelenwächter als Nächstes vorhatten, was passieren sollte. Und ich hatte keine Lust, darüber nachzudenken. Das Leben war gerade zur Ruhe gekommen, vielleicht durfte ich einfach ein paar Tage hierbleiben und mich erholen. Das wäre doch eine schöne Abwechslung. Auf alle Fälle sollte ich Zac kontaktieren. Ich hatte ihn zuletzt in New York gesehen, und da hatte Jaydee nicht gerade einen guten Eindruck hinterlassen.

„Alles klar?“, fragte Jaydee auf einmal hinter mir. Ich zuckte zusammen und fuhr herum. Er hob eine Augenbraue. Normalerweise bekam ich immer den Spruch gedrückt, dass ich mich mehr auf meine Umgebung konzentrieren sollte, doch dieses Mal sagte er nichts.

„Ich hab nur vor mich hingeträumt.“

„Komm her.“ Er streckte mir seine Hand hin, die ich sofort ergriff. Er zog mich sachte an sich und schloss mich in seine Arme. Seine Finger fuhren über mein Rückgrat, zeichneten kleine Kreise darauf. Ich schmiegte mich an ihn, lauschte seinem Herzschlag und seinen ruhigen Atemzügen. Langsam führte er mich zu einer der Strandliegen und ließ sich darauf sinken. Erst wollte ich meine eigene beziehen, doch Jaydee hielt mich fest, zog mich zu sich herunter, bis ich halb auf ihm lag. Es war eng, aber unfassbar bequem.

„Das ist gut“, murmelte ich an seine Brust.

Er brummte zur Bestätigung. „Erzähl mir mehr. Von dir. Von Violet. Egal was.“

„So spannend war mein Leben nicht. Zumindest nicht bis zu dem Abend, an dem ich in der Kirche gewesen bin.“

„Du hattest eine Fylgja als beste Freundin, ich bitte dich.“

Ich hob den Kopf und blickte ihn an. „Außer dieser einen Tatsache war unsere Freundschaft völlig normal. Außerdem wusste ich ja zu Beginn nicht, was sie war.“

„Muss ein ganz schöner Schock für dich gewesen sein, als du es herausgefunden hast.“

„Oh ja! Nachdem sie mir alles erklärt hatte, war ich stinksauer. Ich habe einen ganzen Monat lang kein einziges Wort mit ihr geredet. Also wirklich gar keins. Nicht guten Morgen, nicht Hallo, nicht gute Nacht. Nada. Ich habe sie einfach ignoriert, als wäre sie unsichtbar. Ich glaube, das war die härteste Zeit in ihrem Leben. Meiner Mum wurde es dann zu blöd. Sie hat mich und Violet in die Garage gesperrt und gesagt, dass wir erst rauskommen können, wenn wir unseren Streit beseitigt haben.“

„Aber deine Mutter wusste nicht, worum es ging, oder?“

„Nein. Sie hatte Violet zwar gerufen, aber ihr verboten, mir je zu erzählen, wer sie war. Als ich es herausfand, flehte Vi mich fast auf Knien an, nichts davon Cassandra gegenüber zu erwähnen. Das war das einzige, was ich auch getan habe. Egal wie böse ich auf sie war, aber das brachte ich nicht übers Herz.“

„Wie lange musstet ihr in der Garage bleiben?“

„Den ganzen Nachmittag. Ich habe das Schweigen nur gebrochen, weil ich so dringend auf die Toilette musste. Auf dem Klo wurde mir dann bewusst, wie albern das alles war und wie unnötig. Ich habe Violet noch in dieser Nacht genötigt, mir alles über Fylgjas zu erzählen. Wir redeten, bis der Morgen graute.“ Rückblickend war es ein schönes Erlebnis gewesen. Obwohl ich erst sieben Jahre alt gewesen war, begriff ich, dass unsere Freundschaft etwas Besonderes war, was niemand sonst auf der Welt besaß.

Ich bettete meinen Kopf auf Jaydees Brust und passte mich seinen Atemzügen an. Unsere Füße verhakten sich ineinander, irgendwann verlor ich das Gefühl dafür, wo mein Körper aufhörte und wo er anfing. So lagen wir eine halbe Ewigkeit, genossen die Nähe des anderen und dass wir uns berühren durften.

„Wie war es bei dir so? Ich stelle es mir interessant vor, in einer Kirche großzuwerden.“

„Inwiefern?“

„Naja, das Gebäude an sich ist ja schon mal faszinierend. Ich mag diese alten Gemäuer, sie haben so viel zu erzählen.“

„Mh.“ Er strich mit den Fingern meinen Arm hinab, hinterließ eine warme Spur überall dort, wo seine Haut meine berührte. „Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Für mich war es mein Zuhause. An manchen Tagen hasste ich es, weil mich die Gemäuer regelrecht einengten, an anderen waren sie meine Zuflucht. Stein transportiert keine Emotionen. Er ist kalt und gefühllos, es war gut, sich damit zu umgeben, wenn die Menschen um mich zu intensiv wurden.“

„Wegen deiner Empathie.“

Er nickte. „Ich bin … es war …“ Er schloss die Augen, sortierte sich. „Eigentlich möchte ich nicht darüber reden.“

Ich kniff ihn in die Seite. Er zuckte zusammen und lachte. „Du bist ein Feigling, was das angeht.“

„Nein. Ich habe nur keinen Bock, alte Dinge aufzuwärmen.“

Ich fuhr mit den Fingern unter sein Shirt, strich über seine Bauchmuskeln. „Ausreden. Alles nur Ausreden. Mich quetschst du aus, und selbst gibst du nichts preis. Ich denke, du machst das eher, um den Geheimnisvollen zu mimen. Das macht dich …“ Sexy, hätte ich beinahe gesagt, denn es stimmte dummerweise. Diese Zurückhaltung, diese harte Schale, die er nach außen trug, das alles weckte meine Neugierde. Ich wollte unter diesen Panzer kriechen und freilegen, was sich darunter verbarg.

„Ja?“, hakte er nach, weil ich nicht weitergesprochen hatte.

„… interessant“, sagte ich schließlich und schmunzelte. Ich musste ihm ja nicht alles hinwerfen. „Aber es ist okay. Du musst mir nichts davon erzählen, wenn du nicht magst.“

„Gut.“

„Ich krieg dich schon noch, Jaydee Stevens“, flüsterte ich an seine Brust.

„Träumen darfst du ja.“

Ich zwickte ihn noch mal. Dieses Mal fester. Er packte meine Hand, zog sie unter seinem Shirt heraus. Die Liege quietschte unter uns. Ich lachte, versuchte wieder an ihn heranzukommen. „Bist du eigentlich kitzelig?“

„Nein.“

„Natürlich nicht. Wäre auch viel zu uncool!“

Bedauerlicherweise war ich es. Sehr! Jaydee nutzte seine Kräfte, pinnte mir die Arme nach hinten und kitzelte mich durch, bis ich nicht mehr konnte und vor lauter Atemnot alles doppelt sah.

Das Holz der Liege knarzte bedrohlich, und vermutlich war es das einzige, was mich rettete. Jaydee ließ von mir ab, wartete, bis ich mich erholt hatte und wieder zu Atem kam.

Wir sahen einander an. Unsere Nasen berührten sich fast. Eine prickelnde Spannung legte sich zwischen uns, als würden zwei elektrische Leitungen aneinandergehalten werden und kleine Stromstöße austauschen. Er leckte sich über die Lippen, seine Augen wanderten tiefer. Ich legte den Kopf schräg, rückte näher an ihn heran. Jetzt könnte ich ihn küssen. Einfach so. Wir müssten uns nicht zurückhalten, auf nichts Rücksicht nehmen … Ich kam noch näher, bis ich seine Nasenspitze berührte. In dem Moment gab mein Magen ein tiefes Brummen von sich.

Jaydee hielt inne, lachte. „Kann es sein, dass du schon wieder Hunger hast?“

„Nein. Wir haben doch erst gegessen.“

„Das ist schon fast drei Stunden her.“

„Im Ernst?“ Hatten wir so lange geredet? Das konnte doch unmöglich sein.

„Magst du Fisch? Es liegt frischer im Kühlschrank.“

Ich nickte. Im Grunde war es mir egal, was wir aßen, Hauptsache, wir waren zusammen. Langsam erhob ich mich von Jaydee, wartete, bis er ebenfalls stand und ließ mich von ihm zurück ins Haus führen.

Das hier war der beste Morgen seit Ewigkeiten.

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Gepostet am

April 30, 2016