Zusatzszene New York – Keine Spoiler auf die aktuelle Handlung

Es ist mal wieder soweit. Ich habe eine neue Szene für Euch. Ich habe sie exklusiv für die Seite geschrieben. Sie spielt fünf Jahre vor der eigentlichen Serie, es sind also keine Spoiler auf die aktuelle Handlung vorhanden. Jedoch werden Neuleser mit den Charakteren vermutlich nicht so viel anfangen können, da keine Hintergrundinformation zu den Seelenwächtern geliefert werden. Das hätte den Rahmen gesprengt.

Ich wünsche Euch viel Spaß mit Jaydee und Akil.

New York City, Ecke Central Park West und 87th

Vor fünf Jahren

Jaydee

„Wirklich?“ Ich deutete auf den Treppenaufgang. „Aufs Dach?“ Das Gebäude war vierzehn Stockwerke hoch. Es gab natürlich einen Aufzug, aber Akil hatte Angst, dass wir steckenbleiben könnten.
„Der Weg ist es wert, Jay. Vertrau mir!“ Akil klopfte mir auf die Schulter. Mittlerweile waren seine Berührungen nicht mehr so überwältigend wie zu Beginn, dennoch zuckte ich jedes Mal zusammen.
Ich war jetzt vier Jahre bei den Seelenwächtern. Vier Jahre, seit Mikael tot war. Vier Jahre, in denen ich gelernt hatte, mit meiner Empathie umzugehen.
Und vor zwei Jahren war ich das erste Mal erfolgreich gewesen. Ich hatte jemanden berührt, ohne von dessen Gefühlen übermannt zu werden. Danach ging alles recht schnell. Akil hatte mich öfter mitgenommen, hatte mir seine Welt gezeigt, seine Freunde vorgestellt, die er unter den Menschen gefunden hatte, und es kam, wie es kommen musste.
Caitlyn.
Mein erstes Date. Mein erstes Mal. Es war eine interessante Erfahrung gewesen. Intensiv. Schnell. Zu schnell für meinen Geschmack, aber aller Anfang war schwer. Es war eine Sache, jemanden nur zu berühren. Eine andere war es, mit einer Frau auf Tuchfühlung zu gehen. Leidenschaft, Lust, intensive Gefühle, die schwer abzublocken waren, vor allen Dingen, wenn ich mit mir selbst währenddessen auch noch zu tun hatte. Es war ein Balanceakt zwischen Geben und Nehmen. Noch war ich nicht sehr gut darin.
Deshalb gab Akil alles, damit ich üben konnte. In unserer Freizeit schleppte er mich auf jede erdenkliche Party. Machte mich mit allen möglichen Frauen – und Männern – bekannt und bot mir somit die Chance, mich selbst auszuprobieren. Auch, wenn ich die Männer lieber ihm überließ. Ich hatte definitiv keine Veranlagung in diese Richtung.
„Hopp, hopp“, sagte Akil. „Vom Rumstehen werden wir nicht schöner.“ Er öffnete die Tür zum Treppenhaus und lief los. Ich folgte ihm wohl oder übel. Zum Glück trainierten wir häufig. Vierzehn Stockwerke Treppensteigen waren also kein Problem.
„Caroline ist die Gastgeberin“, erklärte er mir auf dem Weg nach oben. „Sie wohnt alleine, allerdings ist ihre Schwester Skyler gerade aus L.A. zu Besuch. Die zwei werden dir gefallen. Hübsch. Intelligent. Ehrlich. Und sie sind nicht abgeneigt, zu experimentieren. Ich würde mal sagen, es wird Zeit für deinen ersten Dreier.“
„Woher willst du wissen, dass es mein erster wäre? Du bist doch nicht meine Anstandsdame.“
Akil blickte über seine Schulter zurück zu mir und zwinkerte. „Das hätte ich schon längst mitbekommen, glaub mir.“
Ich brummte. Vermutlich hätte er das sogar. Akil hatte einen sechsten Sinn für diese Dinge. Er sah mir sogar an der Nasenspitze an, ob ich Sex gehabt hatte, selbst wenn dazwischen mehrere Stunden und eine Dusche lagen.
„Wann müssen wir zurück zu Hause sein?“, fragte ich.
„Nicht vor morgen früh. Ich habe Ilai gesagt, dass wir Party machen, er hat es abgenickt. Außerdem haben wir ’ne Pause verdient. Seit du uns unterstützt, erledigen wir mehr Dämonen in einer Woche als andere in einem Monat. Gönn dir Spaß und schalt mal für ’ne Nacht ab.“
Ich hätte allerdings auch nichts dagegen gehabt, in New York eine Runde zu jagen. Die Stadt war sicherlich voll mit Dämonen, und beim Kämpfen fühlte ich mich nun mal wohl. Es war mein Terrain. Meine Möglichkeit, den Jäger herauszulassen.
Endlich erreichten wir das Penthouse. Das dumpfe Wummern des Basses drang nach draußen in den Flur. Vor der Doppeltür am Ende des Ganges standen zwei Kerle in Anzügen. Akil ging zu ihnen, zückte eine Einladung und drückte sie einem der beiden in die Hand. Er nickte und öffnete die Tür.
„Danke.“
„Viel Spaß, die Herren.“
Die Herren … ging es denn noch geschwollener. „Wenn die Party genauso steif ist wie die beiden Typen …“
„Ist sie nicht, keine Sorge“, sagte Akil und trat ein.
Die Musik umfing uns zusammen mit tausend Gerüchen. Seit ich trainierte und meine Empathie schulte, waren meine Sinne noch ausgeprägter als vorher. Vor allen Dingen mein Geruchssinn schien in den letzten Wochen ordentlich zugelegt zu haben, denn ich nahm mit einem Mal Düfte wahr, die mir vorher nie aufgefallen waren. Nuancen, die mir verrieten, in welcher Stimmung mein Gegenüber war. Nicht schon genug, dass ich Emotionen über Berührungen aufnehmen konnte, jetzt musste ich sie auch noch riechen.
Wir standen in einem riesigen hellen Wohn- und Esszimmer. Eine Seite war komplett verglast mit Blick auf die Dachterrasse und den dahinterliegenden Central Park. Die Party war in vollem Gange. Menschen wuselten herum. Schwatzten und lachten und tranken. Einige saßen auf den hellen Sofas, andere standen in Grüppchen zusammen und bedienten sich vom Buffet oder wiegten sich auf der Terrasse zur Musik.
Ich saugte die Eindrücke in mich auf. Viele der Frauen trugen knappe Kleider und kunstvoll drapierte Frisuren. Die meisten waren schön, wirkten aber kühl. Als wären sie Puppen auf einem Laufsteg. Verflucht, selbst die Bedienungen, die mit ihren Tabletts durch die Menschen navigierten, sahen gut aus.
„Und? Fetzt, oder?“
„Mh …“ Das klang nicht mal in meinen Ohren überzeugend. Aber es waren so viele Menschen hier. Zu viele Emotionen, zu viele Eindrücke. Seit ich sieben Jahre alt war, mied ich genau solche Ansammlungen.
„Bei allen Göttern, lass mal locker und hab Spaß, Jay.“
„Vor einiger Zeit war Spaß haben noch gleichbedeutend mit: Ich bring jemanden um.“
Akil drehte sich zu mir und packte mich an den Schultern. Wieder zuckte ich und wieder drangen seine Emotionen nicht zu mir durch. Bei Akil und den anderen konnte ich mich mittlerweile erfolgreich abschotten, bei Fremden war es noch immer eine Herausforderung.
„Okay, ich sag dir jetzt was: Du hast viel gelernt in den letzten Jahren. Du hast dich im Griff. Ich habe es gesehen. Du musst jetzt die Balance in dir finden. Zwischen dem Bösen und dem Guten, ansonsten wirst du den Rest deines Lebens mit angezogener Handbremse fahren. Abgesehen davon wirst du dann irgendwann wie Will, und einer von der Sorte reicht mir eigentlich.“ Er zwinkerte mir zu und ließ mich los.
Will.
Er und ich. Feuer und … tja, keine Ahnung. Nitroglycerin vermutlich.
„Akil! Du bist tatsächlich gekommen!“ Eine brünette Frau bewegte sich durch die Menge auf uns zu. Sie trug ein enges schwarzes Kleid, perfekt geschnitten, um ihre Kurven zu betonen. Ihr Gang war grazil, ihre Aura lebendig.
„Natürlich!“ Er legte den Arm um ihre Taille, zog sie an sich und drückte ihr einen langen Kuss auf die Lippen, während seine Hand zielstrebig zu ihrem Po wanderte. „Niemals lasse ich mir eine Party von dir entgehen.“
„Das stimmt nicht, denn ich habe schon zigfach ohne dich feiern müssen, aber du bist ja stets so beschäftigt.“
„Stimmt. Darf ich dir einen Freund von mir vorstellen. Das ist Jaydee. Jay, das ist Caroline.“
Sie machte sich von ihm los, strich ihr Kleid glatt und lächelte mich an. „Okay, wenn du so jemanden mitbringst, darfst du auch gerne zwischendurch fehlen. Freut mich außerordentlich.“ Sie reichte mir ihre Hand. Ich blickte darauf, ohne sie zu ergreifen. Noch immer kostete es mich Überwindung, Fremde anzufassen.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Akil mir aufmunternd zunickte. Ich schnappte nach Luft, zählte bis fünf und konzentrierte mich auf meine Schutzmauern. Ich bin Herr meiner Emotionen. Ich habe das im Griff. Ich muss sie nicht an mich heranlassen.
Vorsichtig ergriff ich ihre Finger. Vermutlich hielt sie mich für schüchtern, doch das war mir egal. Sie konnte denken, was sie … ich zischte, als ich ihre Haut berührte. Ihre Gefühle packten zu, legten sich um meinen Arm, krochen nach oben, sickerten in mich …
Ich bin Herr meiner Emotionen. Ich habe das im Griff. Ich muss sie nicht an mich heranlassen.
… und stoppten. Wie ein Fluss, der von einem Damm unterbrochen wurde, endete die Verbindung zu ihr. Es funktionierte! Verflucht noch eins, es funktionierte wirklich.
Noch immer erstaunte es mich, dass ich Gefühle tatsächlich abblocken konnte. Ich lächelte in mich hinein. Unglaublich. Ihre Emotionen klopften an meine Tür, aber es war meine Entscheidung, ob ich sie einlassen wollte oder nicht.
Hätte ich das damals schon gekonnt, wäre Mikael noch am Leben …
Caroline verstärkte den Druck ihrer Finger. Ich blickte sie an, sie lächelte leicht, leckte sich über die Lippen. Ihre Emotionen waren für mich wie ein Buch, das sie aufgeklappt vor mich legte. Sie freute sich über unsere Begegnung, und es turnte sie an, wie ich mich verhielt. Sie glaubte, sie müsste erst durch meine Schale brechen, mich aus der Reserve locken. Ich blähte die Nasenflügel, nahm neben ihren Emotionen auch ihren Geruch war, der eine kleine Note herber geworden war.
Manchmal war es so einfach im Leben.
„Ich seh schon, ihr beide werdet euch gut verstehen“, sagte Akil mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Wo ist eigentlich Skyler?“
„Draußen“, antwortete Caroline, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Sie wettet gerade mit Allan, wer es länger schafft, ein volles Bierglas auf der Stirn zu balancieren.“
Endlich ließ sie meine Hand los. „Darf ich dir etwas zu trinken anbieten, Jaydee?“
Akil nickte mir zu und bewegte sich durch die Menge nach draußen.
„Ich habe einen sehr guten Weißwein aus Deutschland einfliegen lassen, einen herben Riesling mit einem Schuss Pfirsich …“
Sie redete weiter über ihren Wein und wie bekömmlich er war. Ich hörte nur mit einem Ohr zu, meine gesamte Konzentration lag bei ihrer Hand auf meinem Arm, den vielen Menschen um mich herum und den tausend Emotionen, die in diesem Raum hingen. Saftig und prall wie überreife Trauben. Jetzt, da Akil nicht mehr in meiner Nähe war, fand ich es schwerer, mich zu konzentrieren. Aus irgendeinem Grund erdete er mich. Wenn er mich anfasste, seine Energie mit mir teilte, beruhigte es meine Nerven.
„… herrlich im Abgang“, endete sie schließlich. „Und?“
Sie wartete nicht auf meine Antwort, zog mich einfach durch die Menschen durch, bis wir nahe der Terrasse stehenblieben. Eine angenehm kühle Brise wehte durch die offenen Fenster. Obwohl es schon Oktober war, war die Nacht verhältnismäßig mild. Caroline gab mir ein Weinglas, nahm sich selbst eins und redete weiter. Sie erzählte von sich, von New York, wie schön hier alles war, was ich unbedingt machen sollte, wie lange ich bleiben würde.
Mit jeder verstreichenden Minute wurde ich unruhiger. Das Gerede, die Menschen, diese vielen Emotionen im Raum – ich war es nicht gewohnt. Und ich war nicht bereit dafür. Noch nicht. Akil hatte sich getäuscht, ich würde das nicht durchhalten … ich musste … „Raus.“
„Bitte?“
Ich drückte ihr das leere Glas in die Hand und lief auf die Dachterrasse.
Durchatmen.
Wenigstens kurz.
Die New Yorker Luft umfing mich. Angereichert mit Abgasen und Smog. Diese Stadt war lebendig, sie besaß einen eigenen Pulsschlag, ihre eigenen Emotionen. Ich nestelte am Kragen meines Shirts, hätte es mir am liebsten vom Leib gerissen. Eine Hand legte sich von hinten auf meine Schulter. Ich zuckte. Sanfte Energie floss in mich, erdete mich, beruhigte meine Sinne.
„Ich lass dich nicht alleine, das hab ich dir gesagt.“
„Ich glaube, ich bekomme das nicht hin, Akil.“
„Doch, das wirst du. Deine Sinne sind überreizt. Das ist normal.“
Ich blickte zu ihm. Er strahlte so viel Ruhe und Geduld aus. Keine Ahnung, warum er die für mich aufbrachte, womit ich diese Freundschaft verdiente, nach allem, was ich getan hatte. Manchmal wollte ich sie auch gar nicht.
Ich wandte mich von ihm ab, stützte mich aufs Geländer und blickte auf die Stadt, über die sich die Nacht gelegt hatte. Es war dunkel und trotzdem hell. Die tausend Lichter tauchten alles in einen orangefarbenen, gedämpften Schein. „Wie schaffst du das nur? Deine Sinne sind tausendmal besser als meine.“
„Übung. Du wirst es genauso können, du musst nur …“
„… Geduld haben. Ich weiß.“
Akil stellte sich neben mich, stützte die Ellbogen auf. „Aller Anfang ist schwer, Jay, aber du wirst es schaffen. Bis vor ein paar Jahren wäre es undenkbar für dich gewesen. Überleg mal, was du bisher erlebt hast.“
„Viel.“
Er schmunzelte.
„Wieso versteckt ihr euch denn hier?“, fragte eine weibliche Stimme hinter uns. Wir drehten gleichzeitig herum.
Eine rothaarige Frau kam uns entgegen. Ihre Augen waren so intensiv blau, dass ich selbst im Halbdunkel die Farbe erkennen konnte. Sie trug enge Jeans, Higheels und sprühte nur so vor Lebensfreude. Durch ihre Lippe war ein Stecker gezogen, ihre Nägel waren in kunterbunten Farben bemalt, die Schulter tätowiert. Ihr Shirt war patschnass, und sie stank nach Bier.
„Skyler!“, sagte Akil und breitete die Arme aus, doch sie wiegelte ab.
„Ich stinke. Hab meine Wette zwar gewonnen, aber am Ende ist das Glas doch umgekippt. Ich muss mich erst umziehen. Und du bist?“
„Jaydee“, sagte ich.
Skyler musterte mich von oben bis unten. Ihre Ausstrahlung veränderte sich, noch wusste ich es nicht zu deuten, und bevor ich mir weiter darüber Gedanken machen konnte, kam sie zu mir, nahm mein Gesicht in ihre Hände und drückte ihre Lippen auf meine. Mir blieb die Luft weg. Von ihrem Kuss und dem Gestank nach Bier. Skyler drückte sich enger an mich. Ihr nasses Shirt durchweichte meins ebenfalls. Ihr Kuss wurde intensiver, leidenschaftlicher. Eine Hand fuhr in meinen Nacken, die andere tiefer zu meinem Hintern. Ich erwiderte ihren Kuss, auch wenn der Gestank mich fast umbrachte. Immerhin sorgte er dafür, dass ich einen einigermaßen klaren Kopf behielt und mich nicht in ihren Emotionen verlieren konnte.
Nach einigen Sekunden löste sich Skyler von mir und hinterließ einen Geschmack aus Erdbeere auf meinen Lippen.
„Es freut mich sehr, dich kennenzulernen, Jaydee.“
„Auch eine Art, jemanden zu begrüßen.“
Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. Mir war vollkommen klar, warum Akil sie mochte. Sie war eine weibliche Ausführung von ihm. Ihre Lebensfreude war ansteckend, ihre Gefühle rein und unverschnörkelt.
„Ich werde jetzt duschen gehen, denn ich muss wirklich aus diesen Sachen raus.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. Ein Finger wanderte über meine Wange, mein Kinn, meinen Hals und weiter nach unten zu meiner Brust. Selbst ohne empathische Fähigkeiten waren ihre Absichten klar.
„So wie du aussiehst, brauchst du ebenfalls frische Sachen.“
Sie zwinkerte mir zu und wackelte ins Innere der Wohnung.
Akil trat neben mich. „Ich sag doch, es wird lustig.“ Er klopfte mir auf die Schulter. „Tu nichts, was ich nicht auch tun würde.“
Ich schmunzelte und folgte Skyler. Der Gestank nach Bier begleitete mich nach drinnen.
Caroline war mit einer jungen Frau in ein Gespräch vertieft. Sie zwinkerte mir zu und lächelte, als wisse sie genau, was ich vorhatte. Alle anderen schwatzten, lachten, aßen. Einer rümpfte die Nase, als ich an ihm vorbeikam, aber ich ignorierte es. Meine Sinne hatten einen Fokus, und das war genau das, was ich brauchte.
Es war wie bei der Jagd. Wenn ich ein Ziel anvisiert hatte, war mein Verstand am klarsten.
Skyler war nicht mehr zu sehen, doch ihre Spur leicht zu verfolgen. Nicht nur wegen der Bierdunstfahne, die sie hinter sich herzog. Ihr eigener Geruch war ab heute in mir gespeichert. Ich würde sie immer wieder erkennen. Egal wo.
Sie war in den hinteren Teil des Penthouses verschwunden. Ich öffnete eine der Doppeltüren, trat ein und zog sie hinter mir zu. Sofort verstummten die Geräusche, als wäre ich in einem Schutzbunker, durch den keine Emotionen oder Eindrücke von anderen dringen konnten. Was für eine Wohltat!
Ich stand in einem schmalen Flur. Er war mit indirektem Licht ausgeleuchtet und in hellen Farbtönen gehalten. Am Ende des Ganges sah ich die Skyline von Manhattan. Ich ging ein paar Schritte, hielt mich an Skylers Geruch fest, der jetzt stärker wurde. Er führte mich eine Treppe nach oben, wieder in einen Flur. Ihr Shirt lag auf dem Boden. Ich stieg darüber, folgte dem Gang – wo ich ihre Hose fand – und erreichte schließlich das Badezimmer. Es war modern, mit Regendusche und großer Wanne. Skyler hatte mir den nackten Rücken zugekehrt. Ein Drachentattoo verzierte die gesamte linke Körperseite. Sie blickte über ihre Schulter zu mir und lächelte. Dann waren der Slip und ihre Schuhe weg und sie stieg in die Dusche.
Ich beobachtete sie, während sie das Wasser aufdrehte und sich das Duschgel griff. Ihre Hände glitten über ihren Körper, sie seifte sich ein, fuhr ihre eigenen Konturen und Rundungen nach und seufzte genüsslich.
„Willst du eigentlich nur zusehen oder dich auch nützlich machen?“, fragte sie. „Es gibt Stellen, an die ich nicht alleine komme.“
Ich schmunzelte, zog mein Shirt über den Kopf und stieg zu ihr in die Dusche. Das Wasser lief mir übers Gesicht, es war angenehm warm und wusch die Reste Bier von meinem Körper.
Skyler drehte sich herum, glitt mit den Augen an mir hinab und grinste. „Da hab ich eine gute Wahl getroffen.“
Sie musste sich allerdings auch nicht verstecken, und es war interessant zu sehen, dass sie nicht nur in der Lippe ein Piercing trug …
Sie nahm sich mehr Duschgel, verteilte es auf ihrer Hand und setzte ihre Erkundungstour von vorhin fort. Ihre Finger strichen von meiner Brust nach unten über meinen Bauch.
Sofort zog ich meine Schutzmauern hoch. Blockte sie ab, damit ich es überhaupt ertragen konnte, angefasst zu werden. Gerade in diesen Situationen – wenn zu den fremden Emotionen noch meine eigenen kamen – musste ich mich stark konzentrieren. Fallenlassen war ein Balanceakt, den ich noch nicht komplett beherrschte.
Skyler bemerkte nichts von alldem. Sie fuhr um meinen Bauchnabel, strich meine Muskeln nach und lachte leise. Die Luft wurde schwüler in der Kabine, die Hitze stieg mir in den Kopf, genau wie ihre Berührungen. Skylers Hand wanderte tiefer, ihr Grinsen wurde breiter. Dann packte sie zu. Ich brummte, ließ sie machen, doch wenn das funktionieren sollte, musste ich die Kontrolle behalten und das Tempo bestimmen. Ich nahm ihre Arme und pinnte sie an die hintere Wand der Dusche. Sie japste und grinste dabei. „Auf der Ablage liegt ein Gummi.“
Ich beugte mich nach vorne und küsste sie. Sofort öffnete sie ihren Mund und kam mir entgegen. Ihr Geruch veränderte sich, ihr Atem kam schneller. Ich drückte sie fester gegen die Wand, spürte ihr Herz gegen meines hämmern. Sie hob ein Bein, rieb sich an mir. Das Wasser prasselte auf uns, viel heißer als eben noch.
Mein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Ich bemühte mich, ihre Emotionen von mir fernzuhalten, auch wenn sie mit jedem Kuss intensiver und deutlicher wurden. Immer wieder sickerte etwas von ihr durch. Ihre Lust. Ihre Leidenschaft. Die Lebensfreude. Es waren gute Emotionen, und dennoch belasteten sie mich, denn es waren nicht meine eigenen. Ich stemmte beide Hände hinter ihr an der Duschwand ab und brachte etwas Abstand zwischen uns.
„Alles okay?“, fragte sie.
„Ja.“
„Du siehst nicht so aus.“
Ich atmete tief durch. Konzentrierte mich auf meine Schutzmauern.
Ich bin Herr meiner Emotionen. Ich habe das im Griff. Ich muss sie nicht an mich heranlassen.
Skyler berührte meine Schulter. Jetzt mischte sich Sorge in ihre Gefühle. Ich schluckte, zwang meine Gedanken zurück auf mein Mantra. „Möchtest du vorher etwas trinken? Ich habe noch andere hübsche Sachen da, die entspannen.“
Dumm nur, dass nichts von alledem bei mir wirken würde.
Ich nahm ihre Hand von meiner Schulter, verwob meine Finger mit ihren. Sie hielt mich für genauso schüchtern, wie ihre Schwester Caroline es vorhin getan hatte. Vielleicht war es Zeit, etwas dagegen zu tun.
Ich packte ihr anderes Bein, schlang es um meine Hüfte und küsste sie erneut.
Skylers Lachen hallte noch lange von den Wänden nach …

Fähigkeiten

Gepostet am

April 30, 2016